„Siegen hat ein riesiges Potenzial“

Von Jean-Charles Fays – Siegen. Der vergangene Fahrrad-Klima-Test weist Siegen auf Rang 99 von 100 unter vergleichbar großen Städten aus. Ein Kollege aus meiner Osnabrücker Heimatredaktion, der in Siegen studiert hatte, berichtete mir, dass es in der bergigen Stadtlandschaft entweder unmöglich oder lebensgefährlich gewesen sei, mit dem Fahrrad zu fahren, weil kein Autofahrer mit solchen Verkehrsteilnehmern rechnet. Das weckte in mir den Ehrgeiz, es zu Beginn meiner Woche als Tausch-Reporter in Siegen direkt einmal auszuprobieren. Ein Selbstversuch mit dem Pedelec.

Steil wie ein Tour de France-Anstieg

Auf der Radtour begleitet mich der Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Siegen-Wittgenstein, Karsten Riedl. Von unserer Redaktion in der Unterstadt biegen wir in den Obergraben gen Oberstadt ab. Die Steigung, die sich daran in der Löhrstraße anschließt, beträgt laut Riedl zehn Prozent und ist damit genauso steil wie Teile des legendären Tour de France-Anstiegs nach L’Alpe d’Huez. Riedl gibt das Kommando: „Und jetzt Turbo“ und schaltet auf maximale elektronische Tretunterstützung. Zwar müssen wir ordentlich in die Pedale treten, doch es besteht keine Notwendigkeit, aus dem Sattel zu gehen. Der erhöhte Puls ist bei Regen und etwa zwei Grad Celsius auch ganz angenehm, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Vorbei geht es am Rathausplatz und der Nikolaikirche vorbei, auf der das Krönchen, das Wahrzeichen der Stadt, thront.
Auf der daran anschließenden Marburger Straße kommt uns der einzige Radfahrer, dem wir auf der anderthalbstündigen Tour an diesem regnerischen November-Tag begegnen, entgegen. Allerdings schiebt der Mittzwanziger sein Rad den Berg hoch. Offenbar fährt er ein normales Rad und hat keine Lust zu schwitzen. Riedl prognostiziert: “Die motorlosen Radfahrer werden in ein bis zwei Jahren in Siegen in der Minderheit sein.“ Er deutet auf Autos in der einspurigen Marburger Straße hin, die das Gefühl vermitteln könnten, Radfahrer am liebsten von der Straße drängen zu wollen. Situationen wie diese sind der Grund, weshalb er dem Radverkehr in Siegen aktuell die Note 5+ verleiht. Doch er hat einen Vorschlag, wie sich Radfahrer in engen Einbahnstraßen wie dieser wieder sicher fühlen können: “Die Lösung sind Schutzstreifen mittig in der Fahrspur. Auch wir brauchen hier diese Jakobi-Streifen.“ Die Stadt Soest hat mit dem Schutzstreifen, der erstmals in der Jakobistraße in Soest ausgetestet wurde, vor drei Jahren den Deutschen Fahrradpreis gewonnen.

Traumhafte Aussicht als Belohnung

Ein maximal zwei Meter breiter und ähnlich steiler Schleichweg wie in der Löhrstraße führt uns schließlich den Brüderweg hoch zum Wirtshaus und zur Aussichtsplattform am oberen Schloss. Die ersten Schweißperlen rollen über die Stirn. Als Belohnung liegt uns aus mehr als 300 Metern Siegen zu Füßen. Eine traumhafte Aussicht.
„Mit einem motorlosen Rad ist die Strecke ein unvorstellbares Hindernis. Mit dem Pedelec sind aber doch genau diese Berge der Reiz: Siegen hat ein riesiges Potenzial“, rufe ich Riedl zu. Der Eindruck bestätigt sich auch, als wir den Radweg an der malerischen Sieg und unterhalb der Hüttentalstraße entlang fahren, die Riedl in Zukunft gerne zum Radschnellweg ausbauen würde. Doch bis dahin  ist es wohl noch ein langer Weg. Das Uni-Forschungsprojekt Remonet zur Förderung der Elektromobilität und die aktuelle Image-Kampagne der Stadt „Siegen zu neuen Radlern“ deuten jedoch darauf hin, dass Siegen die große Chance erkannt hat. Das lässt hoffen, dass die Stadt bei künftigen Fahrrad-Klima-Tests nicht mehr auf dem vorletzten Platz landen wird.

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