In der Herzkammer der SPD

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SPD-Chef in Eving: Uli Dettmann (Foto: Müller).

Von Kay Müller  – Dortmund. „Dortmund ist die Herzkammer der Sozialdemokratie“, hat der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Herbert Wehner, einmal gesagt. Doch was ist heute noch davon übrig? Ein Besuch in dem Dortmunder Stimmbezirk, in dem die SPD bei den Landtagswahlen vor vier Jahren mit 73 Prozent den höchsten Anteil an Erststimmen eingefahren hat.

Der Himmel ist grau, dabei sollte die Sonne scheinen über Uli Dettmann (Foto: Müller). Schließlich ist der 60-Jährige seit einem Jahr dort SPD-Stadtbezirkschef, wo vielleicht so etwas wie die Seele seiner Partei in Dortmund sein könnte – in Eving. Ein halbes Jahr vor der nächsten Landtagswahl stapft Dettmann durch die Straßen des alten, traditionsreichen Arbeiterstadtteils. An einem grauen Platz, auf dem viele Autos scheinbar planlos durcheinander geparkt sind, bleibt er stehen und sagt: „Die SPD gehört dazu, hier auf dem Marktplatz.“ Auf den ersten Blick erschließt sich das nicht für den unbeteiligten Zuschauer. Auf dem Marktplatz zieht ein Mann an der Leine seines Hundes, es nieselt – auf der anderen Straßenseite stehen ein Aldi und ein Edeka-Markt.
Erst auf den zweiten Blick kann man erahnen, warum der Marktplatz einmal das war, was die Menschen in Eving an die SPD gebunden hat. Ein Stück weiter gibt es eine Seniorenwohnanlage der Arbeiterwohlfahrt (AWO), ein Hort der Menschen, die mit der SPD alt geworden sind. Gegenüber steht die 90 Jahre alte Siedlung Sonnenseite, die alle nur die Lungensiedlung nennen, weil dort früher kranke Bergarbeiter ein neues Zuhause gefunden haben. An der Ecke hat die Kneipe zwar längst geschlossen, aber den Kleingartenverein dahinter gibt es immer noch. Es riecht nach Tradition. „Hier ist nichts anonym, hier fällt es auf, wenn irgendwo ein Rollladen einmal unten bleibt“, sagt Dettmann und zeigt auf die bunt gestrichenen Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Wohnungen werden nicht von Heuschrecken vermietet, sondern von einer kommunalen Gesellschaft. Und manche der Bewohner seien noch wie früher, meint Dettmann: „Hier ist man füreinander da.“

Blut in der Herzkammer

Und die Sozialdemokraten wollen dabei sein. Vielleicht ist das das Geheimnis der SPD in Eving. Oder wie Volkan Baran sagt: „Wir versprechen nichts, aber wir kümmern uns.“ In einem halben Jahr möchte der 38-Jährige in den Landtag gewählt werden. Seine Biografie ist ein gelebter Strukturwandel. Aufgewachsen ist er von Dortmund gesehen im Ausland: in Lünen. Der Sohn türkischer Gastarbeiter lernt Bergmann. „Es gab damals keinen anderen Ausbildungsplatz für mich.“ Noch bevor er den Vertrag unterschreibt, wird er Mitglied in der Gewerkschaft, später bei der SPD, wo er schnell in Ämter gewählt wird. Baran bildet sich beruflich fort, wird Ausbildungsplatzberater, heute arbeitet er als Diversity Manager bei DSW 21.
Doch auch wenn er einen modern klingenden Titel hat, die Tradition ist Baran wichtig. „Was uns von anderen Parteien unterscheidet, ist das Herzblut, mit dem viele dabei sind.“ Herzblut in der Herzkammer der Sozialdemokratie, das klingt gut. Und doch weiß auch Baran, dass „es leider immer weniger Schultern werden, auf denen die Arbeit der Partei lastet.“
Im kommenden Jahr ist es 30 Jahre her, dass die letzte Dortmunder Zeche in Eving für immer ihre Tore geschlossen hat. Zunächst hat das der SPD in diesem Stadtteil kaum geschadet. „Es gab hier Zeiten, da hätte man einen Zaunpfahl aufstellen können, und der wäre gewählt worden. Aber so ist das schon lange nicht mehr. Wir haben genau die gleichen Probleme, die die SPD auch in anderen Regionen hat“, sagt Uli Dettmann.
Begonnen hat das irgendwann in den 60er Jahren – als die Menschen lieber vor dem Fernseher blieben, statt zu Vereins- oder Gewerkschaftssitzungen zu gehen. Durch das Internet hat sich das noch verschärft. Die Auswirkungen spüren die Vorfeldorganisationen der SPD heute mehr denn je. „Wir haben weniger Mitglieder als früher – viel weniger“, sagt Uli Dettmann. Und „Die meisten Mitglieder bei uns sind Rentner.“

Ran an die Menschen

Dettmann ist selber einer. Er hat sein Leben lang für die Gewerkschaft gearbeitet, ist vor 45 Jahren in die SPD eingetreten. „Gern würde ich das Amt bald an einen Jüngeren abgeben“, sagt der Stadtbezirkschef. „Das“, sagt er, „ist nötig, damit sich die Partei immer wieder erneuert.“
Und wie stellt sich Dettmann die SPD in zehn Jahren vor? Er zögert kurz, zupft an seinem schwarz-gelben Schal, und sagt: „Im politischen Leben in Eving wird sie eine wichtige Rolle spielen.“ Dafür müsse die Partei aber noch näher an die Basis rücken.
Deshalb spricht er gern darüber, wie die SPD dafür gesorgt habe, dass die Sportplätze im Stadtteil saniert worden seien – und dass man dafür sorgen wolle, dass es bald eine neue Gesamtschule in Eving gibt. „Damit auch die Kinder hier eine Zukunft haben.“ Dass das auch für die SPD gelten könnte, wäre da ein angenehmer Nebeneffekt.
Volkan Baran glaubt genauso an die Mitgliederpartei SPD wie sein Stadtbezirkschef. „Das hat uns stark gemacht. Und das müssen wir weiter machen, uns um jeden Hundehaufen kümmern, das sind eben auch die Themen, die die Menschen beschäftigen.“ Und so bleibt Dortmund die Herzkammer der Sozialdemokratie? Baran zögert kurz und sagt dann: „Ja.“

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