Leiden mit Leidenschaft

„Mit anderen Augen“ eine Kolumne von Maja Yüce.

Musik soll die Sprache der Leidenschaft sein. In Sachen Dortmund war ich bislang leidenschaftslos. Also warum nicht ein Konzert zum Start des Reportertauschs? Vielleicht wird ja – ganz nach der alten Weisheit von Richard Wagner – doch noch was aus der Stadt und mir.
Die Kollegen der Kasseler Kulturredaktion schwärmten vom Konzerthaus in Dortmund. Es habe eine tolle Akustik und sei eines der besten des Landes.
Ein Blick in den Kalender: Trompeter Till Brönner startet Sonntag seine Tour in der Stadt. Es gab noch genau eine (!) Karte im Vorverkauf. Und auch der Titel der Tour schrie lauthals nach mir: „The good life“ (Das gute Leben). Das muss Schicksal, höhere Gewalt, Bestimmung, Fügung oder sonst so etwas sein. Perfekt! Oder besser: Er hätte perfekt sein können, der Start in Dortmund. Möglichkeitsform. Er war es nicht!
Nein, es lag nicht am Konzerthaus. Nein, nicht am großartigen Till Brönner. Und nein, auch nicht am Dauerregen zum Empfang.
Schuld waren Ohrringe. Genauer: Silberne Pfauen mit einem Schweif aus einzelnen Metallfedern, die an den Ohren meiner Sitznachbarin zur rechten Seite baumelten. Die Dame war so begeistert wie ich. Nur machte sie das durch heftiges Kopf- und Oberkörperwippen deutlich. Das allein hätte ich weggesteckt – irgendwie. Mit der Hand hielt ich das rechte Auge zu – es ging ja um den Hörgenuss…
Endlich Entzücken? Fehlanzeige! Ja, es war ein Konzert mit Blechbläsern. Aber beim blechernd-klimpernden Klang der Pfauen war es aus mit dem Genuss. Keine Chance für die Leidenschaft.
Damit nicht genug: Bei jeder Bewegung waberte eine würzig-warme Duftwolke mit. Und da ich gerade dabei bin: Es war ein Konzert, kein Comicfilm! Ich hätte auf die „Toll“- und „Wow“-Kommentare des Herrn vor mir verzichten und der Frau daneben das ständig leuchtende Handy abnehmen können.
Dortmund, du machst es mir nicht leicht. Unser Start hatte mehr mit Leiden als mit Leidenschaft zu tun.
Der Blick auf die Konzertkarte stimmte versöhnlich: „Music for peaceful moments.“ – für friedliche Momente: Wer weiß, vielleicht waren die Störer gar nicht aus Dortmund, sondern aus Gelsenkirchen – oder Kassel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s