Ein Schock zum Frühstück

Von Wiebke Karla – Kiel. Girlanden, bunte Servietten und Fähnchen auf den Tischen: Stars and Stripes – Sterne und Streifen überall. Doch bei der Amerika-Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V. in Kiel ist die Stimmung ist am Morgen danach sehr gedämpft. Hier hat man enge Verbindungen über den Ozean, ist man emotional nah dran. Und das Wahlfrühstück im Kennedy-Haus hatte man sich eigentlich anders vorgestellt.

„Es war ein Schock“, sagt die Vorsitzende Jana Hirsch. Die meisten hier haben Hillary Clinton den Sieg gewünscht, nicht damit gerechnet, dass Trump das  Rennen macht. Während im Hintergrund CNN immer neue Auszählungen der einzelnen Staaten bekannt gibt, werden Muffins, Mini-Burger und kleine Sandwiches serviert, verdauen die rund 20 Anwesenden die Nacht. Unter ihnen auch Catharina  Jerratsch (30), Sprecherin der Gesellschaft, die mehr als dreieinhalb Jahre in den Staaten gelebt hat. „Hillary Clinton hat ihre Fehler, hat Fehler gemacht. Doch im Grunde hängt ihr nach, dass sie eine Frau ist. Das können sich die Amerikaner einfach nicht vorstellen“, sagt sie. Dafür hätten sie nun einen Präsidenten, der ungestraft damit prahlen dürfe, Frauen sexuell belästigt zu haben, fügt sie bitter hinzu.

Doch nach dem ersten Schock bemühen sich die meisten Menschen im Kennedy-Haus um Fassung. „Die Amerikaner hatten nur die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt Manfred Fenker. Deutsche Politiker seien jetzt gut beraten, Trump nicht zu meiden. „Die Deutschen verhandeln ja schließlich auch mit Erdogan und Putin“  Und die seien auch nicht viel besser. „Trump wird sicher nicht mit der Hand über dem Atomknopf herumlaufen – auch wenn das viele Menschen hierzulande denken“, meint er. Die Amerikaner hätten den umstrittenen Milliardär auf Grund seiner „We can fix it“-Mentalität gewählt. „Sie denken: Wird das nichts mit ihm, wählen wir ihn einfach in vier Jahren wieder ab.

Bei Kaffee und Sandwiches werden heiße Diskussionen über den Wahlausgang geführt – obwohl es niemanden gibt, der sich über den Wahlsieg von Trump freut, sind die Einschätzungen der Konsequenzen für die USA, die Welt und Deutschland durchaus unterschiedlich. Und nicht alle empfinden  den Wahlausgang als Desaster. „Ich halte das gar nicht für so katastrophal“, sagt Bernd Schriewer, „es war eine Wahl gegen das Establishment und gegen die Wirtschaftspolitik. Ob Trump etwas ändern kann, muss man sehen“.  Hillary Clinton hält er in der Außenpolitik regelrecht “für gefährlich“. Der Kieler ist Gast bei der Amerika-Gesellschaft und will Mitglied werden, gemeinsam mit seiner Frau. „Allerdings nicht wegen der Trump-Wahl“, betont Margot Simonsmeier. Die Familie habe Bernie Sanders im Vorwahlkampf der Demokraten unterstützt. Das ist ihr wichtig. Tochter und Schwiegersohn der beiden leben in den USA, in einem Vorort von Washington.

Zwei junge Gäste des Frühstücks sind sich dagegen einig: Trump ist keine gute Wahl, finden Max Bensien und Odisseas Osterloh, beide 16 Jahre alt. „Das mit der Mauer, die Trump bauen will, ist menschenunwürdig“, sagt Max. Außerdem sei Trump ein Rassist.

Noch schärfer sagt es US-Amerikanerin Maria Boginska. Die 47-jährige Englischlehrerin lebt seit zwei Monaten in Kiel und hält die Wahl für eine Katastrophe. „I´ll never go back to America“, rutscht es ihr heraus, während CNN live  die weiteren Ergebnisse der einzelnen Staaten überträgt. Die 47-Jährige will in Deutschland Fuß fassen, liebt die europäische Kultur. Sie ist davon überzeugt, dass ihre Landsleute Trump gewählt haben, weil sie zutiefst verunsichert sind, weil dem Land und jedem Einzelnen das Selbstbewusstsein fehle.  Zurückgehen in die USA will sie nicht. Auf jeden Fall nicht in den nächsten vier Jahren.

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Bernd Schriewer und Margot Simonsmeier beim Wahlfrühstück der Amerika-Gesellschaft in Kiel. Kennedy saß mit am Tisch. Foto: Karla
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