Ich bin enttäuscht

Von Kay Müller – Dortmund. Ja, ich gebe es zu: Ich war naiv. Wenn ich im Norden ans Ruhrgebiet denke, kommen mir Bilder in den Kopf von unzähligen Buden. Und Menschen, die davor nach harter Arbeit ihr Feierabendbier trinken und darüber sprechen, was in der Welt wirklich wichtig ist. Mir war klar: „Über die Leute schreibst du eine Geschichte, wenn du in Dortmund bist.“
Und bin nun enttäuscht.

Die erste Bude, der Bergmann-Kiosk am Westentor, sieht zwar genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt habe, aber macht erst um 16 Uhr auf. Und da bin ich bei einer Führung durchs Westfalenstadion. Also suche ich weiter – und finde zwar Buden, aber niemanden zum Reden darin.

Am Kiosk an der Möllerbrücke habe ich dann selber Durst. Mel Piratheep steht hinter dem Tresen und verkauft mir eine Cola. Ob ich sie bei ihm im Laden trinken darf, frage ich, und er deutet auf Zettel, die er an die Scheiben geklebt hat. „Der Verzehr von Alkohol ist vor dem Kiosk, sowohl auch im Umkreis von 50 Metern verboten“, steht da im Original. Das gilt wohl auch für Cola.

Ich komme mit Mel ins Gespräch. Der 34-Jährige erzählt mir, dass er es auch nicht toll findet, wenn die betrunkenen Fußballfans am Wochenende vor seinem Laden stehen und saufen. Aber auch, dass es nervt, dass er sie immer wieder vertreiben muss, weil er sonst eine Strafe riskiert. Und dass manche Leute auch gern zum Quatschen kommen. „Aber es geht nur eins: quatschen oder trinken.“ Und dann erzählt Mel noch, dass er Angst hat, wenn Supermärkte wie bei ihm um die Ecke noch länger öffnen. „Das macht die Buden kaputt“, sagt Mel.

Ich trauere ein bisschen weiter, weil ich merke, dass das Gespräch richtig nett war. Die Cola habe ich dabei illegalerweise getrunken. Mit Mel habe ich vereinbart, dass das unter uns bleibt.

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