Von Vorfreude bis zur kollektiven Schockstarre: Siegener US-Wahlnacht im Wechselbad der Gefühle

Von Jean-Charles Fays – Siegen. Die Siegener Studenten erlebten in der zwölfstündigen US-Wahlnacht an der Uni Siegen ein Wechselbad der Gefühle: Anfängliche Vorfreude weicht der Ernüchterung, bevor sie zum Ende hin in kollektive Schockstarre verfallen.

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„Viele werden sich später fragen: Wo hast du diese Wahlnacht erlebt?“, sagte der Amerikanistik-Professor der Uni Siegen, Daniel Stein, im Vorfeld der „Election Watch Night 2016“. Zu dem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, wie geschichtsträchtig diese Nacht wirklich würde und dass Donald Trump wider den Umfragen völlig überraschend zum neuen Präsident der Vereinigten Staaten gewählt würde. Zwar beschrieb Stein Trump als potenziellen Staatenlenker schon vorher als „eine absolute Katastrophe für Amerika, Deutschland, die deutsch-amerikanischen Beziehungen und die Welt“ und warnte vor „einem unkalkulierbaren Risiko“, doch klang das noch, als spräche er von einem Super-GAU, der zwar potenziell eintreten könnte, den aber realistisch betrachtet kaum jemand ernsthaft in Erwägung zog.

Svenja Höfler bringt die Mehrheitsmeinung im für die Wahlnacht ab 20 Uhr freigeräumten Fernsehstudio des Medientechnologie-Zentrums auf den Punkt: „Trump ist sexistisch, rassistisch, homophon, hat keinen Plan, kein Programm und wechselt ständig seine Meinung.“ Andere beschreiben ihre Angst vor einem unberechenbaren Oberbefehlshaber, der die Macht über den Einsatz von Atomwaffen hat. Die meisten der rund 50 Studenten sind sich aber auch einig, dass ihre Herzen Hillary Clinton nicht wirklich zufliegen. Es ist eher der gemeinsame Wunsch, Trump zu verhindern, der sie eint.

Ein Tippspiel zur Wahl zeigt nach Mitternacht, wen die Studenten favorisieren. 75 Prozent glauben an eine Präsidentin Clinton, nur einer votiert für Trump.

Nachdem die Amerikanistik-Studenten um 1 Uhr ihre Präsentationen zu Wahlkampfstrategien oder auch vergangenen US-Präsidentenwahlen für das Seminar „US Election 2016“ hinter sich gebracht haben, ist die Vorfreude auf die spannende Wahlnacht groß. Die ersten 19 Wahlmännerstimmen für den Populisten beunruhigen noch keinen. Amerikaexperte Marcel Hartwig ordnet ein: „Kentucky war keine große Überraschung.“ Allerdings fällt dem Veranstalter der Wahlnacht auf: „Überraschend sind die Zahlen aus Florida, wo Trump fast schon die doppelte Zahl der Stimmen hat, aber es sind auch erst zwei Prozent der Stimmen ausgezählt. Da wird es spannend, wie das über die nächsten Stunden ausgeht.“

Um 4 Uhr prognostiziert der 22-jährige Student Christopher Weingart auf Basis der aktuellen Prognosen und Umfragen zwar noch, dass wahrscheinlich Hillary Clinton ins Weiße Haus einzieht, doch eine Stunde spät sieht das schon anders aus. Trump holt den mit 18 Wahlmännerstimmen wichtigen Wechselwähler-Staat (Swing State) Ohio und um fünf Uhr meldet der öffentlich-rechtliche US-Sender ABC, dass der mit 29 Wahlmännern bedeutendste Wechselwähler-Staat Florida an Trump geht.

Jubel brandet noch einmal auf, als Clinton Colorado gewinnt und der Amerikanistiker Hartwig seinen Studenten zuruft: „There’s still hope.“ Doch die Hoffnung schwindet als Clintons Widersacher den noch wichtigeren Swing State North Carolina für sich gewinnen kann und der Sender CNN den Wahlsieg des Republikaners in Florida bestätigt.

Erstmals spricht der sichtlich konsternierte Dozent von der Akzeptanz „eines möglichen Präsidenten Trump“ und übt sich in Sarkasmus, indem er seine Studenten fragt: „Welche Vorteile hätte ein US-Präsident Trump?“ Cathy Waegner, die mittlerweile im Ruhestand ist und den „Election Night Watch“ an der Uni Siegen vor 36 Jahren ins Leben rief, erwidert genauso sarkastisch: „Dass der Kalte Krieg etwas wärmer wird.“

Wisconsin scheint verloren, in Michigan liegt sie zurück und selbst in Pennsylvania, eigentlich ein sicherer Bundesstaat der Demokraten, ist Clinton nur auf Augenhöhe mit dem Milliardärs-Kandidat. Selbst dem bisher so lebendigen und eloquenten Prognostiker Weingart scheint es die Sprache verschlagen zu haben: „Ich realisiere noch gar nicht, was da passiert ist.“ Er wirkt ausgelaugt, blass und verfällt mit seinen Kommilitonen in eine Art kollektive Schockstarre, obwohl es auch zum Ende der knapp zwölfstündigen Wahlnacht im Morgengrauen noch kein offizielles Ergebnis gibt.

Veranstalter Hartwig versucht das für viele so schier Unbegreifliche in Worte zu fassen: „Ich hätte nicht erwartet, dass alle statistischen Vorhersagen so falsch hätten liegen können.“ Was Amerika ab dem 20. Januar droht, wenn der 45. Präsident ins Weiße Haus einzieht, ist seiner Meinung nach unvorhersehbar: „Zu oft hat Trump seine Meinung geändert.“

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