Deutschland am Tiefpunkt

Von Andreas Gruhn – Wilstermarsch   Die Straße nach Wilster  hat einige Dellen. Der Asphalt schlägt  Bögen.   Die Häuser, die an dieser Straße liegen, sind ziemlich alleine, die nächsten Nachbarn wohnen mindestens  hundert Meter entfernt. Und man scherzt, hier könne man mittwochs schon sehen, wer sonnabends zu Besuch kommt. Überraschungsbesuche  sind  ja  nur gut, wenn man sich darauf vorbereiten kann. Auf  wenigen Wiesen weiden Pferde und Kühe, sonst ist das Land sehr leer. wilstermarsch-5-2
Und mitten in diesem Marschland  liegt der absolute Tiefpunkt: Irgendwo bei Kilometer 6,4 der Landstraße  135 (um es genau zu sagen bei 53.96317431771302 Grad Nord und  9.31816577911377  Grad Ost) in Neuendorf-Sachsenbande  ist der  geografische Punkt, an dem Deutschland dem Erdkern am nächsten ist. Nirgendwo  ist Deutschland tiefer gelegen als hier.  3,54 Meter unter Normalnull. Und wenn man auf einer Bank an diesem Pfahl mit der Aufschrift „Tiefste Landstelle der B.R. Deutschland“ sitzt,   auf die eigentliche Senke im Privatbesitz schaut, bildet man sich fast ein: Es ist auch nirgendwo schöner.
Am Niederrhein, der Heimat des Autors, gibt  es diese Landschaft auch. Die Erde ist platt  wie eine Scheibe, aber es gibt doch einen Unterschied, den man auf den ersten Blick nicht sieht: Wasser. Die Wilstermarsch, so besagt es ja auch der Name, ist voll  davon.  Furchen durchziehen die Flure, in ihnen  steht das Wasser. In der Nähe steht noch eine alte Windmühle, in der offenkundig aber kein Getreide gemahlen wurde. Sondern die eine der Pumpen angetrieben hat,  die die Marsch entwässern.  Heute, erfahre ich, funktioniert das alles moderner, und zwar elektronisch. Aber   trotzdem können auf vielen Flächen keine Landwirte ackern. Straßen schlagen Wellen. Und Häuser, die nicht ordentlich auf Pfählen gebaut sind, sacken ab. Auch davon sieht man einige  an den Landstraßen der Wilstermarsch. Vielleicht war es auch dieses  Phänomen, das Neuendorf-Sachsenbande den  offiziellen Tiefpunkt Deutschlands beschert hat?  Immerhin lebt ein Großteil der Einwohner (etwa 500 Menschen) unterhalb des Meeresspiegels.
Ganz sicher jedenfalls war es  das Katasteramt Itzehoe, das im September 1987  die Tiefe amtlich vermessen hat. Damit endete ein jahrelanger Streit mit Krummhörn, das mit einer Senke von 2,30 unter Normalnull zuvor den tiefsten Punkt des Landes für sich beansprucht hat. Seitdem ist aber Ruhe, und die Besucher des Ortes können sich ganz offiziell ins Gästebuch des Tiefpunktes, das in der Hütte hängt, eintragen.      Wie hoch das Wasser an dieser Stelle gestanden hätte, gäbe es die Deiche nicht, zeigt ein Pfahl mit den Sturmfluthöhen seit 1825.   Im Jahr  1962 zum Beispiel stieg das Wasser bis auf 5,83 Meter.  An Deutschlands tiefstem Punkt hätte das Wasser also 9,37 Meter tief gestanden.
Und genau deshalb begreift man als Niederrheiner, der das Meer nur vom  Urlaub kennt, warum es  angesichts von stärkeren  Unwettern und  steigendem Meeresspiegel  so wichtig ist, dass das Land Schleswig-Holstein  in den kommenden Jahren 129 Millionen Euro in den Hochwasser- un

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