Die Welt zu Gast bei Freunden: Wie ein Stadionführer Touristen aus Frankreich und Mexiko den BVB erklärt

Von Maja Yüce und Kay Müller – Dortmund. Die Südtribüne ist leer. Doch das Westfalenstadion lebt. Jeden Tag zeigen über 30 Männer und Frauen Besuchern, warum für sie diese Arena die schönste der Welt ist.

Das Heiligste bleibt tabu. Dafür sorgt Gert Burckhardt. „Den Rasen darf niemand berühren“, sagt der 73-Jährige und dreht einen Knopf am Eingang zum engen Spielertunnel. Schon erklingt die Einlaufmusik, die an Samstagen über 80 000 Menschen zum Jubeln bringt. Für Jaquelyn Montaillé und Manon Lévignat bedeutet der Weg durch den Tunnel auch im leeren Stadion Fußballemotion pur.

Diese Diashow benötigt JavaScript.


120 000 Besucher im Jahr

Gert Burckhardt erlebt das mehrmals in der Woche. Nach der BVB-Legende „Aki“ Schmidt ist er dienstältester Stadionführer im Signal Iduna Park. „Ich sage lieber nur Stadion“, sagt Burckhardt, der seit 2007 Besuchergruppen über die Tribünen, zum Stadiongefängnis, ins Medien-Center und in den Innenraum führt.

„120 000 Leute haben wir hier vergangenes Jahr durchgeschleust“, sagt Burckhardt, der Ex-Nationalspieler Rainer Bonhof ähnelt – nur dass er komplett in BVB-Farben gekleidet ist. Sogar die schwarzen Turnschuhe haben gelbe Senkel. An Wochentagen finden pro Tag drei Führungen statt, am Wochenende gibt es sie stündlich. „Die meisten Leute kommen aus Dortmund und dem Umland“, sagt Burckhardt. „Mittlerweile müsste jeder aus der Region hier gewesen sein.“

Und doch bleibt die Nachfrage groß, auch internationale Gäste kommen ins Stadion, selbst wenn sie Burckhardt kaum verstehen. So wie Jorge Maldonado. Der 25-jährige Mexikaner ist Tourist, versteht nur einige Brocken deutsch, aber ins Stadion wollte er unbedingt. „Die Bundesliga ist die interessanteste Liga in Europa, ich kenne sie aus dem mexikanischen Fernsehen. Und Dortmund ist mein Lieblingsverein.“

Vom Stadion ist er beeindruckt. „Man sitzt so nah am Feld, das ist bei mexikanischen Stadien anders. Ich habe auch das Stade de France in Paris gesehen, das kann mit diesem nicht mithalten.“
Das sieht der Franzose Manon Lévignat anders. Begeistert von der Heimat der Borussen ist er trotzdem. „Es ist das einzige deutsche Stadion, das mich interessiert.“ Interessiert schaut er sich in der Kabine um, in der sonst Pierre-Emerick Aubameyang, Marco Reus und Mario Götze sitzen. Die Duschen sind in Schwarz-Gelb gehalten, die Fliesen im Entmüdungsbecken stammen noch aus der Zeit, als das Stadion gebaut wurde. 42 Jahre ist das her. Die Eistonnen sind einfache Regentonnen. Wie in einem öffentlichen Schwimmbad gibt es fest installierte Föhne. Kaum zu glauben, dass Aubameyang dort seine extravagante Frisur stylt. „Vielleicht ist das hier nicht so komfortabel wie anderswo, aber es reicht doch“, sagt Gert Burckhardt. Wenn mal etwas nicht so modern ist wie in anderen Arenen, verweist der Führer gern auf die Tradition des BVB und frotzelt über die „Arroganz-Arena“ in München oder die „blau-weiße Turnhalle“ in Gelsenkirchen. Seine ausländischen Gäste verstehen die Gags zwar nicht, lassen sich von der kurz darauf auf einem Bildschirm auftauchenden BVB-Legende Norbert Dickel aber gern bestätigen, dass sie im „schönsten Stadion der Welt sind“.

Tradition statt Komfort

Gert Burckhardt gelingt es, seinen Gästen auf der zweistündigen Tour diese Faszination zu vermitteln. Dabei sei er gar kein 1000prozentiger Fan, erzählt er. Eine Dauerkarte hat er nicht und gekickt hat er in seiner Jugend nur auf der Straße. Doch dass die Stimmung in der Arena einzigartig ist, zeigt er ganz praktisch. „Wir rufen einmal laut“, sagt er und zeigt auf eine andere Besuchergruppe, die das Stadion betritt. Und das erst leise „Hurra“ aus Mexiko und Frankreich breitet sich zwischen den Tribünen aus. „Unglaublich“, sagt Jorge Maldonado.

In diesem Moment bedauert er, dass er in der Länderspielpause nach Deutschland gereist ist. „Ich komme auf jeden Fall noch einmal, wenn Dortmund spielt.“ Das will auch Manon Lévignat. Und sei es nur, um noch einmal dem Allerheiligsten nahe zu kommen: dem Rasen. „Können Sie machen“, sagt Gert Burckhardt, „aber berühren dürfen Sie den trotzdem nicht. Der gehört nur den Spielern.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s