Lesen, streiten, plaudern: Wie zwei ungewöhnliche Buchhändler Studenten die Literatur lieben lehren

Von Hendrik Schulz – Kassel. Früher war Klaus Jestadt jeden Tag auf dem Campus. Aber früher haben Studenten auch mehr Bücher gelesen. „Das Kaufverhalten hat sich eben verändert“, sagt Jestadt, zuckt die Schultern und sagt, dass er die jungen Leute auf dem Campus am Holländischen Platz halt mag. Und dass er gern an der frischen Luft ist. Aber er hat immer noch den ganzen Tag mit Büchern zu tun. Man kann Klaus Jestadt mit Fug und Recht als zufriedenen Menschen bezeichnen.

Jestadt sitzt entspannt in einer überdachten Passage neben der Bibliothek zwischen zwei langen Büchertischen; Klassiker der Weltliteratur, aktuelle Bestseller, Studienbücher, neu, gebraucht. Gerade hatte er eine Diskussion mit Anant Kumar. Fast schon ein Streit. Thema: Wie man mit schwierigen Menschen umgeht. Kumar hat erregt doziert, Jestadt mit ruhiger Stimme hin und wieder etwas beigesteuert.

Kumar ist Schriftsteller und liebt Bücher, wie sein Chef, dem er als „Praktikant auf Lebenszeit“ hilft, ohne Bezahlung, als Abwechslung. Wie Bücher riechen, wie sie sich anfühlen, wie sie aussehen, deswegen macht er das. Permanent streift Kumar die Tische entlang, rückt die Auslage zurecht, zieht hier, zupft da, blättert, streicht über die Einbände. „Wenn man so einen netten Chef hat wie ich“, sagt Kumar, „darf man auch mit ihm streiten und über alles sprechen.“ Es sei ja ein Unterschied, ob man sich mit Fäusten oder Worten prügelt.“

„Genau“, findet Klaus Jestadt, „wenn wir uns nicht einigen können, vertagen wir das einfach.“ Er sei zwar damals mit den 68ern auf der Straße gewesen, in den unruhigen Zeiten, als die Studenten politischer waren als heute – aber eher um Mädchen kennenzulernen. Er gluckst.

Jestadt hat sich selbst ausgewildert, wie er sagt. Er ist immer unterwegs, immer draußen, immer unter Leuten. Was er an Studenten mag? „Die strahlen noch“, findet er und meint damit das Unkonventionelle, Noch-nicht-Angepasste.

Das Tollste für ihn: Wenn er sich mit einem Studi – oder einem Journalisten – über Bücher unterhält. Man kommt ins Plaudern, über dies und das, die Schönheit prall gefüllter Bücherregale zum Beispiel, Kumar schaltet sich immer wieder ein, erzählt von seinem Buch, die Geschichte eines Weltenbummlers, wie er.

Klaus Jestadt und Anant Kumar sind Originale, wie man sie nicht an jeder Ecke findet, sie stehen mitten auf dem Campus, dieser Stadt in der Stadt, streiten lautstark, rauchen eine mit dem Sicherheitsmitarbeiter der Bibliothek, lesen, diskutieren, plaudern mit den Kunden.

Eigentlich, sagt Jestadt, ist seine Arbeit gar keine Arbeit. „Wir lieben Bücher, deswegen machen wir das.“ „Das ist unsere Spielwiese“, wirft Kumar ein. „Wenn wir merken, dass es zur Arbeit wird, müssen wir erst einmal besprechen, wie es wieder zum Spiel werden kann.“

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