Dem Zwieback auf der Spur – eine Erkundungstour durch Haspe

Von Florian Hagemann – Hagen. Wer in der Ferne auf Hagen angesprochen wird, der denkt noch immer an Zwieback. „Gibt es eigentlich die Basketballer von Brandt Hagen noch?“ fragt der Sportinteressierte. „Iss nicht so viel Zwieback“, rät ein anderer dem Reporter, der sich eine Woche lang Hagen anschaut. Also: Wie viel Zwieback steckt in Hagen? Ein Erkundungsversuch.

Der Eindruck

Auf den ersten Blick ist der Zwieback ein Schandfleck. Die Fabrikgebäude der Firma Brandt von einst an der Enneper Straße sind zu Baracken verkommen, an deren Mauern der Müll lagert. Hier ist alles zu finden: ein alter Fernseher, ein einsamer Autositz, nur kein Zwieback. Im Innenhof ist noch eine Uhr zu sehen, sie zeigt drei vor sechs, aber in Wirklichkeit ist die Zeit für den Zwieback hier abgelaufen, seit die Produktion im Jahr 2002 nach Thüringen gewechselt ist. Daran ändern auch die Schriftzüge an den Brandt-Brücken nichts, unter denen am Tag Tausende von Autos hindurchfahren.

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Hier steht jetzt einer, der die Bedeutung des Zwiebacks für seine Stadt und für seinen Stadtteil Haspe  kennt, wie kaum ein anderer: Jochen Weber. 66 Jahre alt, mehr als 40 Jahre lang ist er Kommunalpolitiker gewesen, Genosse vom alten Schlag. Wenn ihm an diesem nasskalten Vormittag Leute auf der Straße begegnen, kennt er sie alle mit Namen. Er sagt: „Wir essen mittlerweile Ost-Zwieback.“  Weber nennt die alten Brandt-Gebäude Müllhalde und hofft, dass sie bald verschwinden. Er ist für einen kompletten Abriss und dann für eine sinnvolle Nutzung. Die aktuellen Pläne, die sich mehr und mehr verfestigen, sieht er skeptisch. Wo einst der Zwieback war, soll Einzelhandel entstehen. Aber: „Die Investoren, die picken sich natürlich nur das Filetstück heraus. Der Kuchen vertrocknet.“ Das heißt: Der Autofahrer, der in den Kern Hagens vordringen will, wird wohl auch in Zukunft gleich an Hagens Ortseingang an vertrockneten Zwieback-Gebäuden vorbeikommen.

Immerhin gibt es ein paar hundert Meter weiter stadteinwärts doch noch eine kleine Zwieback-Welt, wie es auf dem Schild steht. Im „Haus Stennert“ befindet sich der Werksverkauf, wobei der in erster Linie zeigt, dass Brandt nicht nur Zwieback ist, sondern auch Schokolade, Knäckebrot und vieles mehr – aber eben auch Zwieback. Nicht nur deshalb sagt Stephanie Schütz, die Marketingleiterin bei Brandt: „In Hagen ist noch ganz viel Zwieback.“ Sie verweist auf die Hauptverwaltung der Firma ein paar hundert Meter weiter stadteinwärts und erklärt: „Die gesamten Geschicke werden von Hagen aus geleitet.“

Zum „Haus Stennert“ gehört noch ein Museum. Es ist dieser Tage aber geschlossen, weil sich keiner findet, der den Fremden führt.

Das Empfinden

„Der Stachel bei den Menschen hier sitzt noch immer tief“, sagt Jochen Weber, der nun in seinem Büro der Arbeiterwohlfahrt Westerbauer sitzt. Die Entscheidung für Thüringen als Produktionsstandort hätten die Leute noch immer nicht überwunden. Pulsierendes Leben ist einer gewissen Trostlosigkeit gewichen, obwohl Brandt noch irgendwie präsent ist: „Jeder, der hier etwas beschreiben will, verwendet Brandt als Anhaltspunkt. Die Arbeiterwohlfahrt ist 200 Meter vor oder hinter Brandt. So einfach ist das“, sagt Weber. Das Problem: Bei Brandt ist keiner mehr.

„Das hier ist eine Geisterstadt“, sagt Andrea Puppe, Verkäuferin in der naheliegenden Bäckerei Borggräfe. Haspe war früher zu einem guten Teil Zwieback. Mit dem Wegzug der Produktion sind viele Arbeitsplätze verschwunden, viele Menschen sind arbeitslos geworden.

Das erklärt vielleicht die verhaltene Wut, die Jochen Weber im Stadtteil noch immer ausmacht, wenn er über das Empfinden der Menschen in Sachen Brandt spricht. Dass diese verhaltene Wut nicht abnimmt, habe auch damit zu tun, dass die Baracken noch immer zu sehen sind. Jeden Tag. Sie sind insofern ein Denkmal, das Stiche versetzt.

Die Erfahrung hat auch Bärbel Nolzen gemacht – bei ihren Kunden, ein bisschen auch bei sich selbst, obwohl sie Brandt früher sehr geschätzt hat. Bärbel Nolzen hat ihr Friseurgeschäft gleich gegenüber der Baracke an der Hauptstraße. Sie hat eine gewisse Enttäuschung bei den Leuten festgestellt. Womöglich passt ihre Beschreibung auch zum Gemütszustand der Menschen hier: „Man fährt praktisch durch die Dunkelheit.“

Stephanie Schütz sieht es nicht so dramatisch. Die Marketingleiterin von Brandt glaubt, dass die meisten Menschen sehr realistisch mit der Situation umgehen und mal einen Haken hinter die Geschichte machen würden. Dabei hilft womöglich der Plan, die Verwaltung wieder an den alten Standort an der Enneper Straße zu verlagern, sobald dort tatsächlich etwas Neues entsteht.

Die Ausstrahlung

Wenn in die Bäckerei Borggräfe an der Enneper Straße Kunden kommen, die von Haspe aus in die weite Welt gezogen sind und den Stadtteil nur aus ihrer Kindheit kennen, dann fragen sie nach früher, dann erkundigen sie sich nach dem Zwieback, erzählt Eva Weinrich, die seit 1981 hier Backwaren verkauft. „Die Leute erinnern sich vor allem an den tollen Duft.“ Er ist verschwunden wie der Bruchzwieback, den die Bäckerei im Angebot hatte, als er nebenan noch produziert worden ist.

Geblieben sind die Erinnerung und die  Verbindung, die Weggezogene und Auswärtige noch immer herstellen: Hagen und Zwieback. „Der Name Brandt steht für Hagen“, sagt Michael Ellinghaus, der Geschäftsführer der für Marketing zuständigen Hagen-Agentur. Das hat auch einen Großteil mit der Basketball-Mannschaft zu tun, die sich Brandt Hagen nannte. Dass sie nach dem Rückzug Brandts als Sponsor insolvent gegangen ist und mittlerweile Phoenix Hagen am Start ist, haben längst nicht alle mitbekommen. Und trotzdem: Mit dem Namen Brandt als Stadt zu werben, das ist laut Ellinghaus ein schwieriges Thema. Heikel, wie alles, was mit Brandt in dieser Stadt zu tun hat.

Womöglich gibt einem die Sache mit dem geschlossenen Museum einen Fingerzeig, wie viel Zwieback noch in Hagen steckt: schon noch sehr viel, wobei in erster Linie die Erinnerung lebt und nicht jeder mehr einen wirklichen Zugang zu ihm hat.

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