Auf der Suche nach Karneval in Osnabrück

Die Gastreporterin aus dem Rheinland hat Karneval im Blut und versucht am 11.11. die Osnabrücker für die jecke Jahreszeit zu begeistern. Mit mäßigem Erfolg.

Osnabrück. Um 11.11 Uhr blutet mir das Herz. In meiner Heimatstadt Köln steppt jetzt gerade der Bär. Die Jecken (rheinisch für „karnevalsverrückte Menschen“) sind auf den Beinen, schunkeln sich warm und feiern den Start der neuen Karnevalssession. Und ich bin hier in Osnabrück, weit weg vom jecken Treiben.

Um nicht in eine Depression zu verfallen, drehe ich den Spieß um und versuche, die Osnabrücker vom Spaß am Karneval zu überzeugen. Denn ob Sie es glauben oder nicht: Karneval ist wunderbar! Einmal im Jahr verrückt sein, die Sorgen des Alltags vergessen, sich in Schale schmeißen, mit Fremden und Freunden Lieder singen und ab vormittags Bier trinken. Das kann herrlich sein! Vorausgesetzt, man bewertet das Spektakel nicht von außen, sondern wirft sich rein und macht mit.

Karneval
Merle Sievers in der Fußgängerzone von Osnabrück am 11.11. (Foto: Michael Gründel/NOZ)

Ich werfe mich derweil in mein Kostüm, das ich glücklicherweise im Gepäck habe, und mache mich auf in die Innenstadt. Als Zirkusdompteurin in pink mit Luftschlangen und Kamelle in den Taschen will ich die Osnabrücker aus der Reserve locken. Vielleicht schunkeln ja ein paar Stadtbewohner mit oder vielleicht treffe ich sogar auf ein paar Jecken hier im hohen Norden? Letztere Hoffnung begrabe ich nach den ersten 11 Minuten direkt wieder. Weit und breit keine Karnevalisten, im Gegenteil. Die Osnabrücker sind von meinem Kostüm gelinde gesagt irritiert. Einige wenige rufen mir ein „Helau“ oder „Alaaf“ zu. Ein paar Kinder freuen sich über meine Kamelle-Rufe und sammeln die Bonbons von der Straße auf. Aber die Mehrheit der Menschen, denen ich begegne, guckt entweder komisch oder tut so, als würde sie mich gar nicht sehen.

Wie Merle Sievers den 11.11. verbracht hat und wie die Osnabrücker bei der Bier-Verkostung abgeschnitten haben, können Sie auch im Video sehen!

Zeit für meinen Plan B. B wie Bier, der kleinste gemeinsame Nenner der Deutschen. Also hole ich mein mitgebrachtes Kölsch aus dem Rucksack, besorge noch ein paar Flaschen regionales Pils und fordere Passanten in der Großen Straße zur Blindverkostung auf. Das klappt erstaunlich problemlos. Plötzlich sind die Berührungsängste mit der verrückten Karnevals-Tante aus dem Rheinland verschwunden, so scheint mir. Einige sprechen mich sogar von sich aus an, ob sie am Bier-Test teilnehmen dürfen.

Auch eine Polizeistreife hält vor meiner aufgebauten Probier-Station an und erkundigt sich nach dem sozialen Experiment. Mitmachen dürfen die Beamten aber leider nicht. „Wir sind doch im Dienst“, sagt einer der Polizisten und sieht dabei etwas traurig aus. Ergebnis meiner Blindverkostung: Sechs von zehn Osnabrückern haben das Kölsch für ihr heimisches Pils gehalten. „Schmeckt wirklich sehr gut“, sagt eine Probandin nach der Auflösung ihres Irrtums über das Kölsch. Ich als Rheinländerin kann das natürlich nur bestätigen.

Karneval
Glitzer im Gesicht und Luftschlangen in der Tasche: Merle Sievers aus dem Rheinland am 11.11. in der Osnabrücker Innenstadt. (Foto: Michael Gründel/NOZ)

Um die Mittagszeit begebe ich mich dann noch auf die an diesem Tag wahrscheinlich närrischsten paar Quadratmeter der Stadt. Im Blue Note proklamiert der Bürgerausschuss Osnabrücker Karneval e.V. das Stadt- und Kinderprinzenpaar für die Session 2016/2017. Hier höre ich endlich kölsche Tön! Die Karnevalisten spielen extra für mich „Viva Colonia“ von den Höhnern und singen lauthals mit. Aber dann müssen sie schnell wieder ihrem Protokoll des Pumpernickelfrühstücks folgen: Siegmar I. Winter vom Ostercappelner Karnevalsverein und Britta I. Hübner vom TSV Venne werden ins Amt des neuen Stadtprinzenpaares gehoben, Josi I. Mogalle und Finn I. Denke führen das Regiment der Kleinen. So richtige Karnevalsstimmung will aber auch hier nicht aufkommen. Ein offizieller Akt zum Sessionsstart hat eben doch eine etwas andere Atmosphäre als ein Besuch mit Freunden in der Eckkneipe.

Wer sich davon mal überzeugen will, ist herzlich eingeladen, während der jecken Tage im Februar ins Rheinland zu kommen! Denn – das habe ich an diesem 11.11. in Niedersachsen gelernt – dort ist der Karneval zu Hause.

 

 

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