„Wo ist der Boss?“

Von Kay Müller – Dortmund. Die Nationalhymne und das Geräusch des Regens reicht ihm nicht. „Wo ist der Boss?“, ruft Jupp etwas zu laut. ;Mit ein paar Kumpels hat er gerade das Fußballmuseum betreten. Und die Rentner aus Essen wollen als erstes das Fußballidol ihrer Stadt sehen: den „Boss“ Helmut Rahn. Doch zunächst finden sie sich in einem Halbrund wieder, dass das Gefühl der Menschen am 4. Juli 1954 im Wankdorfstadion in Bern widergeben soll. Erst ein paar Meter weiter findet Jupp dann was er sucht: Über einen Fernseher aus den 50ern flimmern die Bilder des Endspiels, dazu ertönt der Radiokommentar von Herbert Zimmermann, den Jupp natürlich mitsprechen kann: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt, Tor, Tor, Tor.“ Jupp zeigt seinen Kumpels den Unterarm: „Da krieg‘ ich immer noch Gänsehaut, wenn ich höre, wie der das Tor vom Boss erzählt.“
Das ist vielleicht das Erfolgsgeheimnis des Fußballmuseums, das es seit einem guten Jahr in Dortmund gibt: Selbst wer sich nicht für Fußball interessiert, spürt dort, was für Emotionen mit dem Sport verbunden sind. Und wer Jupp und seinen Kumpels zuhört, merkt das noch mehr. Sie haben die WM 1954 verlassen, eine Zeitreise nach Italien 1990 unternommen, der Ton einer Leinwand wird lauter, Lothar Matthäus rennt mit dem Ball am Fuß durchs Mittelfeld. „Nu‘ schieß doch“, ruft Jupps Kumpel Willy, dabei weiß er, dass der Kapitän der Fußballnationalmannschaft noch ein paar Meter aufs Tor der Jugoslawen zulaufen wird, bevor er zum vorentscheidenden 3:1 einnetzt.
Fast jeder Fußballfan wird wissen, wo er dieses Spiel gesehen hat. So wie Jupps Kumpel Willy. „Das weiß ich noch genau, da war ich im Stadion.“ Was ihm den Kommentar seines Freundes einbringt: „Is‘ klar, da haste wohl ‘nen Ball annen Koop gekriegt.“
Ein wenig klingt das alles nach Klischee, doch Jupp und Willy aus Essen gibt es wirklich. Und das Fußballmuseum bietet ihnen mehr als nur eine mit vielen Andenken versehene Reise in die Geschichte der deutschen Fußballnationalmannschaft, auch wenn der Weg zum Titel 2014 breiten Raum bekommt. Wer wie die Rentner aus Essen eine Führung bucht, bekommt auch Randnotizen und Detailwissen. Und in der Ausstellung können die Fußballsachverständigen die Geschichte der Bundesliga, des DDR-Fußballs, des DFB-Pokals genauso kennenlernen wie die kleinen Geschichten rund um den Sport. Auf einer Bank köönten Jupp und Willy die Fallrückzieher von Klaus Fischer nachstellen, im nachgebauten Studio eines Fernsehsenders selbst Kommentator spielen, oder an einem Bildschirm Schiedsrichterentscheidungen treffen – und merken wie schwierig diese Jobs sein können. Doch die Rentner aus Essen interessiert mehr das Geld. „Watt die Profis da verdienen, ist ja nicht mehr normal“, sagt Jupp. Und selbst? Die 17 Euro Eintritt fürs Museum findet er jedenfalls nicht zu viel. „Hier siehste doch alles, wasse brauchst.“ Nur, dass der Rundgang in einer Sonderausstellung mit der Endspielniederlage der deutschen Mannschaft gegen England vor 50 Jahren endet, das passt ihm nicht. „Da gehe ich lieber noch mal schnell hoch und guck mich den Boss an.“

Beitragsbild (dpa): Helmut Rahn (nicht im Bild) überwindet am 04.07.1954 in Bern im Fußball-WM-Finale in der 85. Minute aus 17 Metern den sich hechtenden ungarischen Torhüter Gyula Grosics. 

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