Warum Zweisprachigkeit auch ein Unglück sein kann

Deutsch-dänische Grenzregion
In der Grenzregion Schleswig wird Dänisch und Deutsch gesprochen. Foto: dpa

Von Wiebke Karla – Flensburg. Zweisprachigkeit ist ein großes Glück – doch nicht für alle Menschen. Was bedeutet es, in einer Grenzregion wie Schleswig zweisprachig aufzuwachsen? In einer Gegend, in der Dänen und Deutsche Minderheitenschulen besuchen, viele Menschen beide Sprachen sprechen. Es ist „Glück und Unglück“ zugleich, sagt Alexander von Oettingen, Leiter des Institutes für Minderheitenpädagogik und Vizepräsident der University College South Denmark (UC Syd). Bilingualität hat ihren Preis, glaubt er.

„Eigentlich ist ein Gewinn, wenn Kinder zweisprachig aufwachsen, da sind sich alle einig“, erklärt der Experte. Doch die Bereicherung habe auch einen gravierenden Nachteil. „Es fehlt die Tiefenstruktur der Sprache“, glaubt von Oettingen, der in Dänemark arbeitet, aber in Flensburg wohnt. Selbst als Kind in der dänischen Minderheit in Südschleswig aufgewachsen, spricht er beide Sprachen, habe aber bis heute Probleme.

„Mit Sprache entdeckt man die Welt“, sagt  Alexander von Oettingen. Und mit zwei Sprachen entdecke man zwei Welten – das sei ein großes Glück. „Doch ich merke in meiner Arbeitswelt, in meinem Freundeskreis, dass mir manchmal die Tiefe fehlt, die Grammatik“.  Ein Phänomen, das der Institutsleiter seiner Meinung nach mit vielen anderen teilt.

Wissenschaftlerin: Wortschatz ist genauso groß

„Bei zweisprachigen Kindern stellen wir fest, dass ihr Wortschatz in der Summe im Vergleich zu einsprachigen Kindern genau gleich groß ist“, sagt Prof. Ursula Neumann von der Universiät Hamburg, „allerdings ist der Wortschatz in jeder einzelnen Sprache kleiner.“ Hinsichtlich der Grammatik allerdings und der Pragmatik – also dem Sprachgebrauch – habe man jedoch keine Erkenntnisse, dass zweisprachige Menschen anders agieren, so die Erziehungswissenschaftlerin. Ihr Fachgebiet ist interkulturelle Bildung, Neumann hat sich intensiv mit der Zusatzausbildung von Lehrern für Schüler verschiedener Muttersprachen auseinandergesetzt.

Das Phänomen, dass bilinguale Menschen manchmal das Gefühl haben, sie seien in keiner Sprache richtig zu Hause, ist ihr bekannt. „Doch man kann Zweisprachigkeit nicht an der Norm von Einsprachigkeit messen“, erklärt sie. Ein Beispiel: Jemand der nur eine Sprache spricht, wird nie das Gefühl haben, er beherrsche diese Sprache nicht zu 100 Prozent, erklärt die Wissenschaftlerin. Auch dann nicht, wenn er beispielsweise schwere literarische Texte in der Sprache gar nicht lesen kann. Ein zweisprachiger Mensch hingegen fühle sich schneller unzulänglich, habe das Gefühl beide Sprachen perfekt beherrschen zu müssen.

„Man kann eine Sprache gar nicht zu 100 Prozent beherrschen“, sagt auch Prof. Elin Fredsted von der Europa-Universität Flensburg. Die Geschäftsführende Direktorin des Dänischen Seminars hat zum Thema Bilingualität auch bei Erwachsenen geforscht. Auch sie kann die These von Oettingens nicht bestätigen. „Wir haben Personen beobachtet, die in beiden Sprachen völlig unauffällig sind“, erklärt die Professorin.

Sprache verändert sich im Laufe des Lebens  

„Zweisprachigkeit hängt vom Gebrauch ab“, sagt Prof. Neumann weiter. So haben Studien ergeben, dass im Laufe eines Lebens Sprache immer weiter entwickelt wird und dass die Sprache, die häufiger benutzt wird, auch mal wechselt. Dazu kommt, dass etwa in der Familie, auf der Arbeit oder in bestimmten Umfeldern und mit bestimmten Personen eben stets die gleiche Sprache gesprochen wird.

Auch für  Alexander von Oettingen, den zweisprachigen Institutsleiter für Minderheitenpädagogik, bedeutet Sprache viel mehr als bloßes Verstehen. Sie  habe mit Gefühlen, Stimmungen, Identität und Nähe zu tun, betont der  Institutsleiter. Und da setzt für ihn  das Dilemma des Spracherwerbs in Schulen und Kindergärten ein. Nicht wenige Kinder der dänischen Minderheit kämen erst im Kindergarten oder in der Schule mit der dänischen Sprache in Kontakt, ihnen fehle die Sprache im Umfeld. Etwas, das für die Hamburger Wissenschaftlerin kein Problem darstellt. „Man kann nicht davon ausgehen, dass die Kinder dänisch oder deutsch sprechen, wenn sie an die Minderheitenschule kommen“ sagt sie. Das sei eben eine große Besonderheit der Region, dass sich jeder als Däne oder Deutscher fühlen könne – auch wenn er die Sprache nicht spreche. „Kinder, die relativ spät mit der zweiten Sprache beginnen, haben es in ihrer Schulzeit wesentlich schwerer“, weiß Prof. Elin Fredsted. Je eher die zweite Sprache gelernt wird, desto besser, desto einfacher haben es die Kinder. Im Ergebnis mache es für den Erwachsenen aber keinen Unterschied mehr, ob jemand die zweite Sprache mit drei oder mit sechs Jahren gelernt habe, so die Studien von Fredsted.

Sprachkompetenz der Lehrer ist wichtig

Für die Experten ist die Sprachkompetenz der Lehrer an den Minderheitenschulen ein wichtiges Thema. „Es müssen keine Muttersprachler sein“, betont Oettingen. Im Gegenteil. Andere Lehrer seien möglicherweise noch viel eher in der Lage, die Probleme ihrer Schützlinge zu verstehen. „Wichtig ist, dass sie Deutsch bzw. Dänisch als Fremdsprache unterrichten können“, sagt die Hamburger Wissenschaftlerin, „die Lehrer müssen sich mit Mehrsprachigkeit auskennen“.

Und was ist mit dem berühmten Code-Switching, dem Hüpfen zwischen einzelnen Sprachen in einem Satz? „Das ist eine Fähigkeit, eine Gabe“, ist Prof. Ursula Neumann überzeugt, „der Ausdruck des kompetenten Umgangs mit der Sprache.“ Fehler mit der so genannten Interferenzsprache, also das falsche Übertragen der Grammatikstrukturen der einen auf die andere Sprache, passieren laut Neumann nur während des Spracherwerbs.

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