Der Geruch der Todesangst

Von Hendrik Schulz – Kassel. Bei einer Führung durch den Weinbergbunker geht es auch im Schnelldurchlauf durch Kassels Historie.

Das Schlimmste, sagt Uwe Göb, war der Gestank der Angst. „Man riecht die stechende Todesangst“ – Schweiß. In der Nacht des 22. Oktober 1943, ein Freitag, kauern Tausende Menschen in den Stollen des Weinbergbunkers, alliierte Bomber legen die Stadt in Schutt und Asche, Tausende sterben. Dutzende Meter unter der Oberfläche bangen Menschen um ihr Leben.

Göb ist einer der Experten des Feuerwehrvereins, die seit Kurzem Besuchergruppen durch die weitverzweigten Stollen führen. Jeder über 1,60 Meter muss permanent den Kopf einziehen. Im Gänsemarsch trippeln 36 Teilnehmer durch Hallen und Säle, zwängen sich durch schmale Stiegen, Kammern links, Kammern rechts, „zum Abort“, steht da. Nach wenigen Minuten fände man ohne Hilfe den Weg nicht mehr zurück.

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Von der Klimaanlage ist ein Loch in der Decke übrig. Ein Gebläse saugte Luft an, „bei den Bombenangriffen durfte niemand in den Gängen stehen“, sagt Göb; freie Fahrt für die Luft. Beim großen Luftangriff fraß das Feuer so viel Sauerstoff, dass im Bunker die Kerzen ausgingen. Draußen erstickten die Menschen.
Die Pimpfe bedienten das Belüftungssystem, Burschen, höchstens 16 Jahre alt. Alle anderen: an der Front. Fiel der Strom aus, schufteten sie Tag und Nacht. Wurde Hilfe benötigt, passten nur sie durch die schmalen Notausstiege. „Einer wie ich hätte da Probleme“, sagt Uwe Göb und zeigt in den schmalen dunklen Schlund.

Katastrophale Bedingungen

Der OP-Saal, nicht mehr als eine Kammer. Hier wurden Kinder geboren, Wunden versorgt, Beine amputiert, unter katastrophalen Hygiene-Bedingungen. Nebenan ein Schutzsaal für 1000 Personen, kaum mehr als ein breiter Gang. Die Hälfte der Fläche: Etagenbetten. „292“, „293“, die Nummern stehen noch da. Eine Pritsche sieht aus, als zerfalle sie beim kleinsten Hauch zu Staub. Backstein löst Beton ab, irgendwo rauscht die Frankfurter Straße. „Der Weinbergbunker ist wie ein Maulwurfshügel“, sagt Uwe Göb. Keiner weiß, wie viele Gänge sich noch durch den Muschelkalk ziehen, etwa 80 Prozent, schätzt Göb, seien bekannt.

Noch wie 1825

Der obere Teil der Anlage sieht noch so aus wie 1825: gemauerte Rippenbögen stützen spröden Fels. Hier, im Krieg Militärlager, später Behelfs-Schutzraum, holten die Bierkutscher im 19. Jahrhundert 30 Fässer pro Tag ab – und stachen sie zum Probieren an. „Ein begehrter Job“, sagt Göb. Im Winter fror die Fulda zu, das zerkleinerte Eis landete im Gewölbe, zur Bierkühlung.
Die Straßenbahn rumpelt über den Köpfen, Göb hält inne. „Die fährt auf gummigelagerten Schienen“, sagt er, „Stellen Sie sich vor, eine 20-Pfund-Bombe fällt aufs Dach.“
1993 spürte eine Schwester des Marienkrankenhauses ein Vibrieren an den Füßen. Die Polizei bemerkte an der Frankfurter Straße Rauch, aus allen Löchern. 842 Personen evakuierte die Feuerwehr aus den Tiefen des Bunkers; junge Leute hatten eine Techno-Party gefeiert. 200 Beats pro Minute, ohrenbetäubende Lautstärke.

Monatelang hatten die Organisatoren den Weg erkundet, Equipment in die Stollen geschafft. Ein Dieselgenerator sorgte für Strom, Kerzen erhellten den Weg. Irgendwann waren die runtergebrannt und schmorten die PVC-Ummantelung durch, giftige Gase breiteten sich im Bunker aus. „Hätte die Schwester nicht so sensible Füße gehabt, wären die alle tot“, sagt Göb. „Mein Bruder war dabei“, grinst eine Teilnehmerin. „Es war ‘ne geile Party.“

Bunker-Chronologie

1224: Erste urkundliche Erwähnung des Weinbergs. Weinanbau bis ins 16. Jahrhundert. Kassel ist nicht gerade sonnenverwöhnt, die Fürstenhäuser verweigern gar die Annahme von Wein als Zehnten – zu sauer.

1600: Man besinnt sich eines besseren, schließt den Weinberg und legt Terrassen an -. Der Ausblick ist besser als der Wein. Dazu wird Bier ausgeschenkt.

1821: Bier muss kühl gelagert werden – extrem aufwändig damals. Stollen werden also in den Berg getrieben, 1825 sind sie fertig. 26 Brauereien gibt es zu dieser Zeit in Kassel – 26 mehr als heute.

1850: Auf dem Weinberg wird die Henschel-Villa fertiggestellt. Den Großindustriellen gehört das Areal; 1901 ersetzt das deutlich größere „Henschelhaus“ die Villa.

1931: Kassel ist pleite und erhebt eine Haustürsteuer, umgerechnet 380.000 Euro allein für das Henschel-Anwesen. Zu teuer; Abriss: 1933.

1942: Erste Luftangriffe auf Kassel, es fehlen Schutzräume. Der Ausbau für 3500 Personen ist Anfang 1943 beendet, bis Oktober dieses Jahres finden 7000 Menschen im Bunker Platz.

1945: Nach dem Krieg weiß man nicht wohin mit der Anlage. Pläne, den Bunker atombombensicher auszubauen, werden aufgegeben, ebenso Vorhaben zur Einrichtung von Hotel- oder Gastgewerbe in den 1970er Jahren. Als Lebensmittellager taugen die Stollen nicht: Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt die Sachen schnell schimmeln.

1989: Die nahe innerdeutsche Grenze geht auf, für die Gäste aus der DDR fehlen bezahlbare Unterkünfte. Im Weinbergbunker werden Betten aufgestellt.

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