Gesammelte Halbwahrheiten

Von Andreas Gruhn – Itzehoe. Das letzte Mal, als ich mich auf Bildungsreise als Austausch-Schüler befand, hatte ich noch volles Haar, war im achten Schuljahr, und die Reise endete im Disneyland bei Paris. Schüleraustausch hieß das damals. Heute habe ich nicht mehr ganz so volles Haar, bin im dritten Jahr meines Redakteurslebens bei der Rheinischen Post und Disneyland ist so weit weg wie die Nordsee von den Alpen. Macht aber alles nix: Reportertausch in Itzehoe dürfte sehr spannend werden (mit Mickey und Donald hatte ich es eh nie). Hab ich schon am ersten Abend nach meiner Ankunft in Schleswig-Holstein bemerkt.

Zu Hause in Mönchengladbach habe ich mich bewusst nicht zuerst von Wikipedia über meine fünf Tage währende Wahlheimat belehren und von den wirklich sehr schönen Bildern beeindrucken lassen, sondern von meinen Verwandten und Freunden. Gesammeltes Halb- und Unwissen also, aber vielleicht auch ein Fünkchen Wahrheit darin. Ich wollte wissen, was man am Niederrhein über Itzehoe weiß. Wofür die Stadt also bekannt ist. Ich erfuhr fachkundige Einschätzungen („Die haben einen guten Fußballverein, der mal in der dritten oder vierten Liga war.“), blanke Mutmaßungen („Da wurde doch der Landarzt gedreht, meine ich.“), glatte Lügen („Wie schön, direkt am Meer!“), Schwermetaller-Fachwissen („Ey, das iss bei Wackööööön!“), wissenschaftliche Expertise („Der Name hat bestimmt einen germanischen Ursprung, das ,e‘ am Ende spricht man garantiert nicht mit.“) und Insiderwissen („Da hat doch das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie seinen Sitz.“). Was mir aber niemand gesagt hat und was es nur vor Ort zu erleben gibt: Abends sind in Itzehoe die Ampeln aus.

Nach meinem Zimmerbezug und einer ersten Erkundungstour durch die im abendlichen Dunkeln sehr pittoreske Innenstadt habe ich folgende äußerst subjektive Erfahrungen gesammelt: Gegenüber meiner neuen Redaktion hat ein Fußballverein sein Clubheim (Türkspor Itzehoe), wenn es hier den Landarzt gibt, betreibt er jetzt höchstwahrscheinlich das Tattoo- und Piercing-Studio Itzehoe. Auch wenn das Meer weit weg ist, trägt Frau abends in der Bar einen Pulli mit etwa hundert Ankern darauf. Und an den Nachbartischen sprechen sie kein Platt, nicht einmal Dialekt. Als eine Frau ihrer Freundin mit Blick auf meinen Tisch sagt, sie könne sich niemals vorstellen, alleine abends irgendwo essen zu gehen, als die Kellnerin meine Bestellung aufnimmt, der Barkeeper über den HSV flucht, wundert mich daran nur, dass ich jedes sauber Wort verstehe. Was mich zu dem unweigerlichen Schluss führt: Entweder stammen meine ersten Itzehoer überhaupt gar nicht aus Itzehoe. Oder Hochdeutsch kommt von hier. Das alles wissen weder meine Freunde noch Wikipedia.

Nach meinen ersten Stunden in dieser zumindest im Dunkeln ziemlich schönen Stadt kann ich sagen: Willkommen in meinem Erfahrungsschatz, Itzehoe! Wollen mal sehen, ob du Disneyland schlägst. Ich glaub dran.

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