Eine Rheinländerin über die Osnabrücker Radfahrer

 

Viele Verkehrsteilnehmer beschweren sich über das rüpelhafte Verhalten der Fahrradfahrer in Osnabrück. An ihrem dritten Tag blickt Gastreporterin MerleSievers aus dem Rheinland auf den Straßenkrieg im Süden Niedersachsens. Und wundert sich.

Wenn es ein Thema gibt, das Menschen in deutschen Großstädten gleichermaßen beschäftigt, dann ist es der Krieg auf den Straßen. Egal ob Radfahrer, Autofahrer, Fußgänger, Nordic Walker oder Inline-Skater mit Kinderwagen vor der Brust: Jeder findet, dass die Straßen für seine Zwecke unzureichend ausgebaut sind und dass auf seiner Strecke sowieso immer die schlimmsten Baustellen eröffnet werden.

Merle
Von Straßenkrieg kann keine Rede sein: Austauschreporterin Merle Sievers aus dem Rheinland hat sich das Fahrverhalten der Osnabrücker Radler angeschaut. (Foto: Michael Gründel/NOZ)

Die Redaktion der NOZ bekommt regelmäßig viele Leserzuschriften, in denen sich andere Verkehrsteilnehmer über die rüpelhafte und leichtsinnige Fahrweise der Radler auf Osnabrücks Straßen beschweren. Von „Slalomfahrten in der Fußgängerzone“ und „Höchstgeschwindigkeit auf den schmalsten Bürgersteigen“ ist da die Rede. Auch der Bund der Fußgänger Osnabrück e.V. hat sich ausführlich dazu geäußert, dass Fahrradfahrer in dieser Stadt „massenhaft Verkehrsregeln brechen“ und ältere Fußgänger „in erheblichem Maß verunsichern und gefährden“. Das sind harte Worte in einer Stadt, die sich eigentlich damit rühmt, fahrradfreundlich zu sein.

In den vergangenen Tagen habe ich mich deswegen mit besonders wachen Augen im Osnabrücker Straßenverkehr bewegt. Knapp hundert Kilometer bin ich mit dem Auto gefahren und weite Strecken zu Fuß gelaufen. Mir sind die Osnabrücker auf dem Rad weder besonders aggressiv noch ignorant erschienen. Im Gegenteil: Oft habe ich Radfahrer an roten Ampeln warten sehen, Abbiegemanöver wurden mit Handzeichen angezeigt und die meisten Drahtesel waren sogar tagsüber mit funktionierenden Lampen ausgestattet. In der Großen Straße sind mir gleich vier Radler begegnet, die ihr Fahrrad entweder geschoben haben oder auf einem Pedal stehend im Schritttempo gerollert sind. Immerhin.

Natürlich handelt es sich bei meinen Beobachtungen um Momentaufnahmen, um Stichproben aus dem Alltag. Sie erheben keinerlei Anspruch auf Repräsentativität und ich will mir auch kein pauschales Urteil über den Straßenverkehr hier erlauben. Meinen Eindruck aus dem Straßenverkehr in Osnabrück kann ich lediglich mit dem vergleichen, was ich aus meinen Städten gewohnt bin. Ich wohne in Köln und arbeite in Düsseldorf. Beide Städte empfinde ich verkehrstechnisch als absolute Vorhöllen auf dem Weg zum Ziel. (Wie eingangs gesagt: Jede Großstadt findet den eigenen Straßenkrieg am schlimmsten.)

In Osnabrück ist auf den ersten Blick immerhin die Infrastruktur für Fahrradfahrer weiter entwickelt als in Köln oder Düsseldorf. Auf nahezu allen großen Verkehrsstraßen gibt es extra geplante Fahrradwege, die kaminroten Streifen auf dem Boden sind nicht zu übersehen. Klare Spuren, die einfach zu befahren, klare Regeln, die einfach zu befolgen sind.

Im Rheinland radelt man dagegen in weiten Teilen der Stadt noch direkt neben den Autos, ohne eigene Fahrspur. Da kommt es nicht selten zu Streitereien, zerbeulten Autotüren und überfahrenen Füßen am Straßenrand, bei denen am Ende oft auch die Polizei nicht so richtig weiß, wer jetzt Schuld trägt. Dass die Radfahrer hier in Osnabrück ihren Anspruch auf die Benutzung eben jener Infrastruktur geltend machen und beispielsweise rumlungernde Fußgänger etwas rüde aus dem Weg klingeln (beobachtet auf dem Erich-Maria-Remarque-Ring sowie auf der Iburger Straße), finde ich nachvollziehbar. Eine Sache ist mir allerdings aufgefallen, in der sowohl die Rheinländer als auch die Osnabrücker Radfahrer noch deutlichen Nachholbedarf haben: Gefühlt 90 Prozent fahren ohne Helm.

Erschienen auf noz.de

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