Marktlücke Markthalle

Von Hendrik Schulz – Kassel. Nehmen wir’s gleich vorweg: Die Markthalle Kassel ist klasse. Da wo ich ursprünglich herkomme, dem Sauerland, ist ein Wochenmarkt ein gesperrter Parkplatz, auf den zweimal in der Woche Buden gestellt werden. Warmes Essen gibt’s am Fischstand. In Siegen sind es immerhin deutlich mehr Buden, sie stehen vor der Kulisse des historischen Rathauses – und es gibt einen Bratwurststand. Was ich bisher nicht kannte: Das Konzept eines historischen Gebäudes, das gleichzeitig Marktstand und Bistrobude ist, mit frischen regionalen und internationalen Produkten.

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Eine Halle hat schonmal den Vorzug, dass es nicht reinregnen kann. Aber das nur nebenbei. Es herrscht geschäftiges Treiben, auch wenn es längst nicht so proppenvoll ist wie samstags; Karikaturen grinsen aus einem Atelier für Auftragskunst, eine Kundin wundert sich, dass jemand allen Ernstes Schweineohren kauft (nicht das Gebäck, die echten), das Café Markttreff bietet Stullen, Schrippen, Schnitten aller Art, daneben Fotos zufriedener Gäste auf Bastelkarton.

 

Die Bistro-Betreiberin

Der Nordhessische Speckkuchen ist ein Muss. Den gibt’s bei Beate Schröder; außerdem hessische Tortilla, Tomatenkuchen, Frikadellen. Unter anderem. Speckkuchen jedenfalls.

 

Der schmeckt super. Teig aus dunklem Korn, drüber eine Mischung aus Sahne, Lauch und Porree. Überraschend saftig. „Sapschig“ heißt das bei uns. Obendrauf der Speck, schön kross, keine Spur wabbeliges Zeug zwischen den Zähnen. Macht nach wenigen Bissen satt. Wen’s interessiert: Die Äquivalente als Siegerländer Nationalgerichte wären „Riewekooche“, (Reibekuchen) und „Krüstchen“ (Brot mit Schnitzel und Spiegelei).

 

„Die Markthalle ist im Umbruch“, sagt Schröder, früher habe es noch viel mehr Selbsterzeuger an der Wildemannsgasse gegeben; Metzger, Bauern, Bäcker. Ihre Schwester betreibt eine Fischbude mit Räucherei. „Es wurde immer schwieriger“, erzählt Schröder, die Ketten und Discounter hätten die kleinen Betriebe verdrängt. „Die Leute Essen und Trinken mehr auswärts und wenn sie kaufen, dann fertig verarbeitete Lebensmittel.“ Also bietet sie fertige Speisen an, kauft die Zutaten in der Markthalle und bereitet sie frisch zu. Das erhält den Marktcharakter.

 

Exotisches aus dem Süden

Tiroler Bauernbrot mit Kümmel, Koriander und Anis geht weg wie, nun ja, warme Semmeln. Philipp Martins Mutter hatte die, Achtung Wortspiel, Marktlücke erkannt und die Kitzbüheler Käsealm in der Markthalle etabliert. „Wir verkaufen ein Stück Urlaub“, sagt Verkäuferin Claudia Metz

 

„URI: Zweieinhalb Jahre gereift. Würzig. Schmeckt wie ein Sahnebonbon“ steht da. Was soll man sagen – er schmeckt wirklich wie ein Sahnebonbon. Mit Salzkristallen!

 

Mutter Martin hatte irgendwann Heimweh nach München, seither schickt sie selbstgekochte Marmeladen für die Käsealm, mit der Post. „Es ist total angenehm hier zu arbeiten“, sagt Claudia Metz, Konkurrenz gebe es nicht, „wir sind wie eine große Familie.“ Wenn samstags der große Ansturm weg ist, kommen die Händler zusammen und tauschen ihre übrigen Waren.

 

Regionale Produkte

Simone Hödel-Sachse fürchtet um die Seele der Markthalle. „Die Leute sind mehr an fertigen Gerichten interessiert“, sagt Verkäuferin am Stand der Familie Opfermann aus Grebenstein, Dort ist man sehr bedacht auf regionales Obst und Gemüse. Aber „Exoten“ müssen auch sein. „Wir müssen die Nachfrage bedienen“, sagt sie, die Leute wollen auch Ananas kaufen. Ein Vorteil der Halle: Wenn sie an den Bistroständen sitzen, leuchten die frischen Produkte herüber und verleiten womöglich zum Kauf…

 

Der Italiener

Bei Busuito herrscht großes Gedränge, die Mitarbeiter rufen die Bestellungen auf, mit diesem singenden Timbre, das nur echte Italiener hinbekommen: „Insalata al Tonnnno“, mit vier „n“, „Pizza Spinaci“. Vor 43 Jahren begannen die Eltern von Inhaber Vincenzo Busuito, Obst und Gemüse zu verkaufen. 1996, als die Markthalle saniert wurde, fingen sie mit dem Restaurant-Konzept an, seither setzen sie auf original italienische Gerichte und sizilianische Feinkost – denn wie bei Beate Schröder: Mit den Discountern können Markthändler nur schwer mithalten.

 

Das Biergärtchen gegenüber ist dann bestimmt das Zugeständnis an die regionale Zunge – Pils zur Pasta.

 

Von wegen. „Die Essensmentalität der Kasseler hat sich veränder“, sagt Vincenzo Busuito, „sie haben die Wurzeln Italiens kennengelernt. Inzwischen sind sie auch weg vom Bier“, sagt er und grinst.

 

Der Marktleiter

„Die Markthalle muss sich verändern“, sagt Geschäftsführer Andreas Mannsbarth. Noch gebe es keinen Leerstand, der Marstall sei gut besucht, aber die Probleme würden zunehmen:

 

  1. Die Selbsterzeuger sterben aus. „Bundesweit gibt es immer mehr Betriebsschließungen, auch in Kassel“, so Mannsbarth. Inhaber finden weder Nachfolger noch Auszubildende.

 

  1. Die großen Ketten graben den lokalen Anbietern das Wasser ab: Inzwischen werden häufig auch frische regionale Produkte in den Supermärkten angeboten.

 

Aber: Der Trend geht zu Qualität; billig war gestern. Wo soll es also hingehen mit der Markthalle?

 

Mannsbarth hat einen ergebnisoffenen Prozess angestoßen. „Wir denken unvoreingenommen in alle Richtungen“, sagt er. Was die Markthalle nicht werden soll, ist eine Einkaufsgalerie, wie es sie tausendfach in deutschen Städten gibt. Das Einkaufsverhalten der Menschen ändert sich; die gesellschaftlichen Strukturen ändern sich: Ein- oder Zwei-Personen-Haushalte werden mehr, das tägliche Kochen findet so nicht mehr statt; berufstätige Eltern essen in den Kantinen, die Kinder in Schule oder Kita. Kochen wird zum Event.

 

Ein Beispiel: „Man kocht am Wochenende mit Freunden“, sagt Mannsbarth, „dafür braucht man keinen ganzen Kohl mehr, sondern vielleicht 150 Gramm, geschnitten.“ Das könnten die Anbieter der Markthalle entsprechend vorbereiten; hin zu kleineren Abgabemengen.

Die Zukunft sieht Mannsbarth auch in den Studenten der nahen Uni: „Bewusste Ernährung ist ein Trend“, sagt Mannsbarth, „junge Menschen kaufen anders ein.“ Denkbar seien etwa Apps.

Die Markthalle ist so etwas wie das Herz der Altstadt, ein Schwergewicht. „Wir möchten mir möglichst vielen Akteuren in Kontakt treten und Konzepte erarbeiten – die natürlich auch nicht unveränderbar sind“, sagt Mannsbarth. Denn: Gehe es der Markthalle gut, profitiere das gesamte Quartier, „man darf die Markthalle nicht isoliert betrachten“, sagt er.

 

Übrigens: Die Pacht läuft zwar 2017 aus – die Markthalle GmbH hat allerdings eine Option auf Verlängerung von zwei Jahren genutzt. In dieser Zeit soll das Konzept erarbeitet werden. Mannsbarth sagt: „Das Veränderungspotenzial ist riesig.“

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